Am 11. Februar 2001 war Rainer dran, Wirt für unsere Spielrunde zu sein und pünktlich um 18°° Uhr fanden wir uns alle bei ihm ein. Ich war schon eine Viertelstunde früher da gewesen, aber ich konnte nicht rein, weil Rainer den Riegel von innen vorgelegt hatte und nicht öffnete. Ich machte mir Sorgen, weil der Fernseher lief, aber Rainer weder auf Telefon, noch auf die Türklingel reagierte, aber ich beruhigte mich damit, daß er einen verdammt tiefen Schlaf haben kann und manchmal sogar mit Ohrstöpseln schläft... Natürlich war mir innerlich klar, daß er niemals vor'm Fernseher mit Ohrstöpseln schlafen würde und auch, daß er sich keine Stöpsel in die Ohren stecken würde, wenn er Freunde erwartet.

Trotzdem wehrte sich mein Verstand mit aller Macht dagegen, irgendein Unglück anzunehmen....

Ich klopfte, klingelte und rief per Handy mehrmals an, aber es half alles nichts. Also ging ich wieder raus und wartete auf die anderen. Als die kamen und ich ihnen erzählte, wieso ich draußen stehe, anstatt drinnen im Warmen bei Rainer auf der Couch auf sie zu warten, schrillten bei ihnen sofort die Alarmglocken...

Zwei der Jungs versuchten die Wohnungstür einzutreten, was aber nicht ging. Rainer hatte so gute Schlösser... Dann stiegen sie auf den Balkon und schauten durch die Glastür. Der Anblick, der sich ihnen bot, war grauenvoll: Rainer lag in einer riesigen Blutlache zwischen Couch und Stubentisch und regte sich nicht. Unsere beiden Freunde traten die Glastür ein und öffneten völlig verstört von innen die Wohnungstür. In uns allen kämpften Gefühle aller Art einen unglaublichen Kampf - Verständnislosigkeit, Schock, Trauer, Wut, Angst, Hilflosigkeit, Hoffnung..... Ich stürmte hinein, während die beiden jungen Männer, die diesen Anblick schon fünf Minuten länger ertragen mußten, reglos im Flur und der Rest der Spielrunde im Treppenhaus standen und wollte Rainer helfen. Mir hätte bei der Menge an Blut klar sein müssen, daß er unmöglich noch leben kann, aber mein Verstand kam gegen mein Herz nicht an und so kniete ich mich auf das Sofa, beugte mich über ihn und berührte seine Schulter....

 

Diese unendliche Sekunde lang traf es mich wie ein Blitz - Rainer ist tot, er lebt nicht mehr, der Revolver zu seinen Füßen hatte ihn getötet.

 

Er war kalt und starr, fühlte sich an wie eine Schaufensterpuppe... Rainer's bester Freund stand auf der anderen Seite des Tisches und sagte mir später, er hätte in diesem Moment in meinem Gesicht gesehen, was los war.

 

Ich sah nur noch die riesige, bereits getrocknete Blutlache und die Scherben der Balkontür, die darüber verteilt waren. Und dann setzte mein Verstand für den Bruchteil einer Sekunde wieder ein: die Frettchen! Ich mußte die Frettchen hier raus holen! Also ging ich durch das Blut und die Scherben auf den Balkon, holte Flocke und Gaia, stieg wieder über den grausigen Bodenbelag und setze mich im Treppenhaus vor seine Tür. Ich war in einer anderen Welt, ich war nicht mehr auf diesem Planeten, mein Verstand war abgereist... Die beiden Frettchen müssen gespürt haben, daß irgendwas falsch lief, denn selbst Gaia, die keine zwei Sekunden lang stillhalten konnte, hat ganze zwei Stunden lang auf meinem Schoß gesessen und mich nur angeschaut.

 

Während all dessen war das ganze Haus in das Treppenhaus gekommen, alle Nachbarn waren auf den Beinen, eine schob mir eine kleine Isomatte unter den Hintern und brachte mir eine Tasse Tee, die anderen gafften nur oder gaben schwachsinnige Kommentare ab. Irgendwer rief die Polizei und einen Krankenwagen und mein Unterbewußtsein veranlaßte meine Zunge dazu zu sagen, daß es dafür wohl zu spät sei...

 

Dann kamen zwei Polizisten, danach die Feuerwehr und die Kripo... Ein Feuerwehrmann ging in die Wohnung, kam wieder heraus und brüllte quer durch den Hausflur nach draußen - sehr pietät- und rücksichtsvoll, danke noch mal an dieser Stelle an diesen Feuerwehrmann - "ihr könnt den Notarzt wieder abbestellen, der ist schon steif!"... Wohlbemerkt, ich saß immer noch neben der Wohnungstür und unsere anderen Freunde standen auch immer noch daneben!

 

Anderthalb oder zwei Stunden lang befragten uns immer wieder neue Polizisten und Kripobeamte, sie stellten immer wieder die selben Fragen und ich weiß heute keine mehr davon, obwohl ich sie alle beantwortet hab.

Für mich war das alles sehr seltsam, ich sah unsere Freunde, alles Pärchen, wie sie um mich rumstanden und sich gegenseitig in dem Armen hielten und sich trösteten. Derjenige, der mich im Arm halten und trösten hätte sollen, lag da hinter mir und würde mich nie wieder in die Arme nehmen können...

 

Rainer lebte ein spektakuläres Leben, so wie es ihm gefiel, er hat sich nie etwas verbieten lassen und der Satz "das geht nicht" hatte für ihn so lange keine Bedeutung, bis er es sich selbst bewiesen hatte.

Er starb einen spektakulären Tod, den er nicht wollte. Es war ein Unfall, davon bin ich überzeugt.

 

Rainer war ein ganz besonderer Mensch und wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Er gehörte zu meinem Leben und ein Teil von mir ist mit ihm nach Walhalla gegangen, wo er jetzt mit Thor, Frigg, Odin, dessen Raben und all den anderen Göttern an einem Tisch sitzt und aus Kuhhörnern Met mit ihnen trinkt. So sieht es hinter seiner Regenbogenbrücke aus...