Wir hatten ein besonderes Verhältnis zueinander. Ich hatte noch nie vorher ein so tiefes Vertrauen und so ehrliche Liebe erlebt. Und auch nachher nicht... Wir waren grundverschieden und trotzdem so gleich, wir waren die Unterschiede, die sich anzogen und verbrachten jede freie Minute miteinander, ohne uns über zu kriegen.

Rainer stellte mir seine Frettchenfähe Hexe vor, als ich das erste Mal bei ihm war. Mein Gott, ich war wie die Leute, die mich heute auf der Straße ansprechen - völlig ahnungslos und etwas perplex. Aber Hexe und ich freundeten uns schnell an und im März 1993 zog sie bei mir ein. Rainer mußte zur Bundeswehr und konnte Hexe nicht zuhause bei seinem Vater und seinem Bruder lassen. Beide hatten kein Interesse für dieses Tier und bei mir sollte die Kleine es gut haben.

Nach und nach wurde aus Hexe allein Hexe & Merlin & Fee, nach einem Jahr kam Muckel dazu, dann Balu & Sterntaler usw usw........ Wir bauten zunächst einen Käfig mit den Maßen 120 x 180 cm, der unseren Ansprüchen aber schnell zu klein wurde, dann wurde das erste Gehege errichtet. 200 x 250 x 200 cm sollten erst mal genügen. Wir haben das ganze Gehege selbst gebaut und hatten nicht einen einzigen Unfall!! Beim letzten Nagel, wirklich beim allerletzten, haute Rainer sich mit dem Hammer auf den Finger! Mann, das hat mir mit weh getan und Rainer hat laut geflucht. Danach ging es aber wieder unfallfrei weiter...

Unsere Tiere fühlten sich wohl, aber auch diese 5 qm wurden uns irgendwann zu eng, also bauten wir das zweite Gehege an. Naja, je mehr Frettchen wir hatten, desto mehr wurde auch der Platz, den wir für sie beanspruchten.

Rainer ging mit den Fretts auch zwischendurch mal frettieren und manchmal fing er dabei tatsächlich auch ein Kaninchen! Einmal wollte er seine Beute selbst verspeisen, zog das Kaninchen in unserem Garten ab und hing es zum ausbluten in unseren Apfelbaum. Ähäm, das hätte er meinem Vater vielleicht sagen sollen... Der "lustwandelte" nämlich später an diesem Tag durch den Garten und hatte plötzlich ein nacktes Kaninchen im Gesicht. Worüber Rainer und ich uns scheckig lachten, fand mein Vater gar nicht so richtig lustig... Also, bis auf weiteres gab es ein "Kaninchen-Aufhäng-Verbot", aber das war okay. Die folgen Kaninchen dienten dann nur noch als Frettchenfutter.

Rainer war in einem Schützenverein, ein Waffennarr (wobei Narr das falsche Wort ist, denn Rainer wußte genau über Gefahren bescheid und ging sehr verantwortungsvoll und vorsichtig mit Waffen um!) und er besaß auch einige Schußwaffen. Auch was die Kaninchenjagd anging, war er kein Amateur, sondern wußte genau, was er tat.

Rainer bezog etwas später eine eigene Wohnung und wollte gerne wieder selbst Fretts um sich haben. Er nahm Sterni & Balu zu sich, aber Sterni war nicht nur zerstörerisch veranlagt, was den Teppich anging, sondern auch was menschliche Körper, abgesehen von Händen betraf! Rainer konnte nicht ohne Schuhe in der Wohnung sein und hinlegen ging nur, wenn Sterni eingesperrt war. Also kamen sie wieder zu mir in's Gehege zurück und Rainer stillte seinen Frettchendurst bei mir.

Später zog er dann noch mal um und hatte einen großen Balkon, auf dem er einen tollen Frettchenkäfig haben konnte. Er übernahm Flocke, eine Abgabefähe, die sich mit keinem Frett dieser Welt zu verstehen schien und behielt eines unserer Welpen (Gaia), die dann mit Flocke aufwuchs und sich von klein auf an ihren etwas seltsamen Geruch gewöhnen konnte.

Die beiden durften mit in die Wohnung, wenn Rainer zuhause war und wurden auf den Balkon in ihren Käfig gesperrt, wenn er nicht da war. Flocke war schon immer ein ruhiges Tier, geradezu lahm war sie. Aber Gaia, das junge agile Springfrett, tobte begeistert, wenn Freilauf angesagt war. Eines Abends saß Rainer auf dem Sofa vor der Glotze und wollte Spaghetti Bolognese essen... Gaia roch den "Braten" und sprang so schnell auf's Sofa, von da auf Rainer's Schoß und von dort direkt in den Teller, daß Rainer gar nicht reagieren konnte! Nur indem er Gaia dann in die Wanne setzte und den Teller in den Mülleimer entleerte... Schade eigentlich.

Nach vier Jahren, die wir zusammen waren, trennten wir uns, um unsere Freundschaft zu retten. Irgendwie hatte sich unsere Beziehung so entwickelt, daß wir uns nur noch stritten, obwohl wir uns noch von Herzen liebten. Aber sobald wir versuchten, miteinander zu reden, brüllten wir uns an... Also zogen wir einen Schlußstrich.

Zwei Wochen lang redeten wir gar nicht miteinander und das belastete uns beide schwer. Wir vermißten einander und riefen einander wieder an. Plötzlich konnten wir wieder reden ohne zu streiten!

Wir kannten uns mittlerweile in- und auswendig, wir konnten beinah die Gedanken des anderen lesen und wußten genau, welche Geste und welche Mine was bedeutete und so wuchs unsere Freundschaft an unserem Verständnis und unserer Liebe. Wir sahen uns häufiger als vor der Trennung und verstanden uns besser. Wir dachten beide selbst nach vier getrennten Jahren immer noch daran, es noch mal zu versuchen, aber die Vernunft siegte, weil wir wußten, daß es wieder in einer Katastrophe enden würde.
 

An Silvester 2000 auf 2001 feierten wir bei einem gemeinsamen Freund, wir spielten Karten und hatten so viel Spaß dabei, daß wir beschlossen, einen wöchentlichen Spieleabend einzuführen. So trafen wir uns zu sechst oder acht jeden Sonntagabend. Reihum war jeder mal dran, die anderen bei sich zu empfangen und zu bewirten, so fanden wir es am fairsten.

Rainer bekam schnell den Kosenamen Django weg, weil er ein ausgesprochener Western-Fan war und gerne mit Cowboyboots, einem Stetson auf dem Kopf und (wenn es kalt genug war) seinem Ledermantel rumlief. Er hatte einige "Ticks", zu denen er aber immer stand. Er war keiner von den Menschen, die sich selbst verleugnen, weil sie Angst haben, belächelt zu werden.

 

                                                                             

Lest bitte nur dann weiter, wenn ihr starke Nerven habt.