Ich hab immernoch heftig daran zu knabbern, daß meine Mutter vor gut einem Jahr gestorben ist und möchte diese Möglichkeit nutzen, als eine Art Tagebuch, um meine Gedanken, Stimmungen und Launen mit jemandem zu teilen.

Manchmal möchte ich einfach nur weinen, aber ich kann irgendwie nicht mehr... Die Tränen scheinen alle vergossen zu sein, keine mehr da und ich fühle mich taub, blind und abgestumpft. Dann wieder gibt es Tage, wo einfach alles aus mir rausbricht, wo ich nur ein falsches Lied im Radio zu hören, einen falschen Duft zu riechen oder ein falsches Bild zu sehen brauche, um hilflos zusammenzubrechen.

Ich habe das Gefühl, mit Rainer und meiner Mami bin ich ein Stück weit mitgestorben... Die Eigenschaften, die die beiden an mir besonders geliebt haben, sind mir irgendwie verloren gegangen. Ich vertraue nicht mehr so leicht, ich liebe nicht mehr so leicht, ich kann nicht mehr so geduldig und warmherzig sein, wie früher. Ich fühle mich allein gelassen, von zwei der wichtigsten Menschen in meinem Leben - wie soll ich mich da auf jemanden wieder so einlassen können?! Es zerreißt mich innerlich, die Sehnsucht nach Nähe und die Angst wieder zu verlieren... Wieder auf diese Art zu verlieren...

Ich muß darüber reden, um diese Gefühle endlich zu "verarbeiten", um endlich ein wenig Ordnung in das Chaos in meinem Kopf und meinem Herzen zu bringen und deswegen rede ich jetzt auf diesem Wege mit euch!
Doch, ich habe Freunde, mit denen ich darüber reden kann, aber mal ehrlich: auch gute Freunde wollen mal was anderes von einem hören, als "ich bin so traurig", oder!? Und ihr müßt das hier ja nicht lesen, ihr könnt einfach weiterblättern auf die nächste Seite, könnt euch die süßen Frettchenbilder ansehen und meine Trauer beiseite schieben - das merke ich nichtmal. Aber heule ich mich bei meinen Freunden aus, sagt sicherlich keiner: "komm, ich hab heute echt keinen Nerv auf deinen Launen, wein bei jemand anders!"... Auch wenn demjenigen wirklich nicht danach ist.

Ihr dürft natürlich auch reagieren und mir eine Email schreiben, wenn ihr möchtet! Vielleicht geht es euch ja ähnlich und ihr müßt euren Kummer mal loswerden, oder ihr wollt einfach so was dazu sagen?! Auf Spott usw. kann ich allerdings gut verzichten! Also bitte verkneift euch sowas.

 

01. Januar 2006
Auf meinem letzten Geburtstag schneite es, der erste Tag im Dezember mit Schnee in Bremen... Wißt ihr was!? Ich glaube fest daran, daß meine Mutter mir diesen Schnee geschenkt hat! Sie weiß, wie sehr ich Schnee liebe.
Am Tag, als die Trauerfeier für Mami stattfand, im November 2004, hat es auch schon geschneit. Auch da hab ich schon daran geglaubt, daß sie mich damit trösten wollte. Beide Male war der Schnee am Folgetag wieder geschmolzen.
Als ihre Asche bestattet wurde und der Bestatter die Urne zum Grab getragen hat, bemerkte ich in einer riesigen Eiche unweit unseres Familiengrabes zwei spielende Eichhörnchen. Die beiden jagten sich so fröhlich und unbeschwert durch diesen Baum, und quiekten dabei die seltsamen Töne, die Eichhörnchen im Spiel von sich geben, daß auch das für mich ein Zeichen von ihr war, nicht so traurig zu sein... Wenn sogar Eichhörnchen im November so ausgelassen sein können... Die beiden waren so lustig anzusehen, daß ich beinahe lachen mußte, auch wenn mir eher danach war, tot umzufallen und mich gleich neben meine Mami zu legen. Mami wußte schon immer, wie sie mich aufheitern konnte.

Ich möchte mich an so vieles erinnern und manchmal gelingt mir das jetzt auch schon, aber meistens seh ich nur die Bilder ihrer letzten Wochen und Monate vor meinem geistigen Auge, wenn ich an sie denke. Diese Zeit hab ich so intensiv erlebt, daß sie sich tief, tief in mein Gehirn eingebrannt hat und alles andere überdeckt. Das tut so weh...
Ich muß mich hart konzentrieren, wenn ich daran denken will, wie sie mich als Kind dazu überredet hat, beim Mittagsschlaf im Bett zu bleiben. Ich wollte das nie, ich konnte mittags nicht schlafen, aber meine Ma hat mich mit in's Schlafzimmer genommen und sich neben mich in das große Ehebett gelegt, zu mir gesagt: "jetzt kommt das Meerschweinchen" und dann wurde ihre Hand zu diesem Meerschweinchen, das zu mir rübergekrabbelt kam und sich an mein Gesicht gekuschelt hat... So ein simpler Trick, aber damit blieb ich im Bett.
Solche "Phantasie-Übungen" haben wir viel gemacht. Wenn wir mit der Straßenbahn aus der Innenstadt vom einkaufen heimfuhren, kamen wir an der Endstation an einem Stückchen Miniwald (eine Fläche von ca. 10 x 15 Metern mit einigen großen Bäumen, Gras, Unkraut und jeder Menge Efeu) vorbei, wo meine Ma und ich uns jedes Mal gegenseitig zur großen Verblüffung der anderen Mitfahrenden in der Bahn, die Krokodile, Bären und Löwen zeigten, die wir zwischen dem ganzen Grün "sahen"!

Ich habe Angst, diese Erinnerungen zu verlieren...

 

28. Februar 2006
Kaum ist die Weihnachtsdeko aus den Läden verschwunden, steht dort alles voller Ostersachen... Es ist ein komisches Gefühl, an all dem bunten fröhlichen Zeug vorbeizugehen und mich daran zu erinnern, wie ich früher mit meiner Ma durch die Regale ging und den Einkaufswagen damit vollgestopft habe... Es zerrt an mir, sticht, zieht und treibt mir die Tränen in die Augen. Und es bringt mich wieder dazu, daran zu denken, daß sie nun weg ist, für immer, daß wir nie wieder zusammen Osterdeko kaufen und im Haus aufbauen werden. Kann man diese ganzen blöden Feiertage, die ich als Kind glücklich mit der ganzen Familie gefeiert habe, nicht verbieten?! Müssen sie mich immer wieder überrennen, egal, wohin ich gehe?!
Abends lieg ich im Bett und kann nicht einschlafen, weil meine Gedanken um Mami kreisen, um ihr Leben und ihren Tod. Ich kann diese Gedanken nicht abschalten oder verdrängen, sie setzen sich hartnäckig in meinem Hirn fest. Immer wieder frage ich mich, ob ich mich anders hätte verhalten müssen, als sie krank wurde, ob ihr diese Diagnostik-Odyssee nicht hätte erspart bleiben können, ob ich am letzten Tag im Krankenhaus etwas hätte anders machen müssen, ob es richtig war, daß ich während der Eingangsuntersuchung ihre Hand losließ, nur weil der Scheißarzt das wollte, ob ich den Röntgenschwestern die Fresse hätte polieren sollen, für ihre patzige Art meiner Mutter gegenüber und ob ich meinen Bruder hätte davon überzeugen sollen, da zu bleiben, anstatt mit ihm was essen zu gehen... Immer wieder kommen einzelne Bilder in mir hoch und schieben sich vor mein geistiges Auge und Gesprächsfetzen spulen sich wie eine gesprungene Schallplatte immer und immer wieder ab. Ich weiß, daß ich nichts davon ungeschehen machen oder ändern kann und das macht es noch schlimmer. Ich möchte die Zeit zurückdrehen und es besser machen. Ja, blabla, ich hab mein bestes gegeben, aber war es gut genug? Sollte ich nach einem Jahr und drei Monaten nicht langsam aus diesem Stadium raus sein? Ganz ehrlich - ich dachte, ich wäre es!

Feiertage sind blöd, sie erinnern einen an verlorenes und reißen alte Wunden wieder auf.

Am 11. Februar war Rainer's fünfter Todestag... FÜNF JAHRE! Mein Gott, wo ist die Zeit geblieben?? Ich vermisse ihn immernoch, aber mittlerweile kann ich mich an all das schöne in unserer langen Freundschaft erinnern. Ich kann dabei lächeln und mich an der Erinnerung erfreuen.
Sollte mir das Mut machen, weil es heißt, daß ich mich auch irgendwann so an meine Ma erinnern kann?! Ich hoffe es. Und ich hoffe, daß das Schicksal nicht noch mehr solcher beschissenen Überraschungen für mich bereit hält. Es heißt doch, daß alles im Leben einen Sinn hat, wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere... Wo liegt der Sinn im Tod zweier geliebter Menschen? Soll ich daraus etwas lernen? Soll es mich erwachsener machen? Gibt es überhaupt eine höhere Macht, die für uns "plant" und uns solche Prüfungen auferlegt? Oder gilt einfach nur Murphy's Gesetz: SHIT HAPPENS ! Und nichts hat einen tieferen Sinn? Fragen auf die wir erst dann eine Antwort erhalten, wenn sie uns in dieser Dimension nichts mehr nützt. Finde ich mich damit ab? Woher soll ich das wissen!?

Ich möchte einfach mal meinen Freunden danken, daß sie immer für mich da sind, wenn ich sie brauche und mich und meine Stimmungen ertragen! Und ich muß meinen Frettchen danken, daß sie mich einfach lieben und so geduldig mit mir sind. Ohne sie hätte ich wohl schon lange meinen Lebensmut verloren.

 

01. April 2006
Eigentlich nicht das richtige Datum, um hier zu schreiben... Naja, weiß wohl jeder, daß ich hier nicht scherze.

Seit ein paar Tagen bin ich unheimlich nah am Wasser gebaut, ich bin unheimlich sentimental. Durch viele Zufälle werd ich immer wieder daran erinnert, was mit Rainer und Mami geschehen ist. Und jedesmal kämpfe ich mit dem Impuls zu weinen... Eben gerade saß ich im Gehege, heute ist echtes Aprilwetter bei uns, es scheint bei strahlend blauem Himmel die Sonne, dann ziehen innerhalb Minuten dicke, graue Wolken auf und plötzlich schüttet es, wie aus Eimern, dazu gab's ein Gewitter, daß meine Monster sich versteckt haben... Ich lag auf meiner Bank, hatte Samson auf dem Schoß und hatte solche Sehnsucht nach meiner Mutter, daß ich einfach losgeheult hab. So laut, daß Mami es gehört hätte, trotz des Regens, wenn sie noch hier gewesen wäre.

Vor ein paar Jahren hab ich einen Hexenschuß bekommen, als ich gerade im Gehege war! Ich saß auf den Steinen und kam nicht mehr hoch, ich konnte nicht aufstehen, weil ich das Gefühl hatte, mir bricht der Rücken durch, wenn ich mich bewege. Ich hab versucht, mich an einem Holzbalken hochzuziehen, aber meine Frettchen kletterten auf mir rum und jedesmal, wenn ich mich ein paar Zentimeter hochgezogen hatte, versuchten sie unter meinen Hinter zu krabbeln. Ich konnte NICHTS tun, ich hatte Angst, mich auf die Frettchen fallen lassen zu müssen, wenn mich wieder dieser Schmerz durchzöge und blieb dann vor Angst und Schmerz völlig verzweifelt dort sitzen. Ich weinte und Mami hörte es. Mein Gehege steht ca. 10 Meter vom Haus entfernt hinter einem Schuppen und das Haus ist nochmal 10 Meter lang. Ganz vorne im Wohnzimmer, am anderen Ende des Hauses, 20 Meter von mir weg und durch Mauern abgeschottet saß meine Mutter und hörte mich weinen! Sie kam nach hinten und half mir aus dem Gehege. Wahrscheinlich würde ich dort heute noch sitzen, wäre sie nicht gewesen... Jetzt nehme ich immer ein Telefon mit raus.

Mami war immer für mich da, hat geduldig meine Launen ertragen, mich immer getröstet und mich aufgebaut, wenn ich es brauchte.

You don't know what you got, till it's gone...!

Da ist was dran. Man bemerkt seine Eltern ja kaum, nimmt sie als selbstverständlich hin, ärgert sich über sie und registriert überhaupt nicht, was sie alles für einen tun, in welchen Situationen sie hinter einem stehen und einem helfen. Ich vermisse meine Ma so unendlich, ich möchte sie wiederhaben, will wieder wissen, daß sie unten im Wohnzimmer sitzt und da ist!

 

Mittlerweile haben wir den 25. Oktober 2006 und mir geht es das erste Mal seit über 5 Jahren wieder gut!! Durch den neuen Mann in meinem Leben hab ich ganz neuen Lebensmut und vor allem LebensWILLEN gefunden! Meine Mami fehlt mir zwar immernoch unglaublich, gerade jetzt, wo mein Leben wieder einen Sinn hat. Aber nun ist da jemand, der mich auffängt, mich hält, der mich liebt. Ich würde es toll finden, wenn Mami das mit uns zusammen erleben könnte, wenn sie dabei wäre und sehen könnte, wie glücklich ich bin. Wenn sie mir bei den Vorbereitungen zu meiner Hochzeit helfen könnte, sich mit mir freuen und die Aufregung mit mir teilen... Als Ollie mir den Antrag machte, mußte ich weinen - weil sie das nicht mehr erfahren würde. Er sah mich an und sagte "Schatz, sie ist doch die erste, die es weiß..." Und er hat Recht. Ollie hat sich jetzt umgemeldet, wohnt offiziell bei mir, die Hochzeit rückt immer näher und ich weine immer öfter, weil meine Mutter nicht dabei ist. Auch weil es meinem Bruder auch endlich gelungen ist, die Liebe seines Lebens zu finden - ebenfalls erst nachdem Mutti schon gestorben war. Ihr Lebensziel war es, ihre Kinder und ihren Mann glücklich zu sehen und das blieb ihr zu Lebzeiten verwehrt. Das macht mich so unglaublich traurig.

Trotzdem bekomme ich so langsam aber sicher wieder ein Gefühl für mich selbst. Ich empfinde mich wieder und nicht nur die betäubende Trauer, die sich wie eine alles verzehrende Wolke um mich gelegt hatte. Ich empfinde wieder Liebe und Glück, ich kann wieder von Herzen lachen ohne zu denken, daß ich das nicht dürfte. Und ich glaube, das ist das, was Mutti für mich wollen würde.

 

13. Juni 2007
Jetzt bin ich schon 2 Monate verheiratet und einerseits der glücklichste Mensch auf der Welt - aber andererseits fehlt mir meine Mutter gerade jetzt besonders. Sie ist nicht da, um mir dabei zu helfen, meinen Haushalt auf die Reihe zu kriegen, mir evtl. das kochen beizubringen (ich ärgere mich unsäglich, daß ich ihr früher nie zugehört hab, wenn sie versuchte, mir Rezepte zu erklären!) oder mir bei anderen Dingen zur Seite zu stehen, wie sie es früher immer machte... Ollie möchte gerne Kinder, und ja, so unglaublich es klingt, ich möchte mit ihm auch Nachwuchs. Aber ich hab auch Angst davor, weil ich mit den Kids dann relativ allein dastehe. Ollie arbeitet, Mutti ist nicht mehr da, der Rest meiner Familie ist weit weg und Ollie's Eltern sind auch nicht dichter bei... Wir haben hier niemanden, den wir bei Fragen oder Problemen "mal eben" aufsuchen können oder Großeltern, die mal einen Tag oder einen Abend auf die Kinder aufpassen könnten. Ja, ich weiß, andere schaffen das auch, aber ich mach mir trotzdem Gedanken. Ich vermisse meine Ma und hoffe einfach nur, daß sie, von wo sie auch immer jetzt sein mag, ab und zu mal auf mich runterschaut und mir einen Schubs in die richtige Richtung gibt....

 

06. Januar 2009
Wow, ist mein letzter Eintrag lange her...! Mittlerweile ist meine Tochter auf der Welt und ich bin Mutter. Meine Mama fehlt mir unsäglich, wie ich schon vorher erwartet hatte. Vor allem finde ich es sehr traurig, daß sie ihre Enkelin nun nicht mehr kennenlernen kann und auch, daß Charlotte ihre Oma nicht mehr kennenlernen wird. Meine Ma hätte sich so gefreut..!

Die Weihnachtszeit war schwer für mich, weil mir nicht nur meine Mami fehlt, am 03. Dezember ist auch noch meine Cousine gestorben - wieder Krebs! Diese verdammte Krankheit versucht scheinbar meine gesamte Familie (jedenfalls mütterlicher Seits) auszurotten. Erst starb meine Großtante an Lungenkrebs, dann meine Oma an Nierenkrebs, dann meine Mutter an beidem und nun meine Cousine. Meine Cousine hatte einen seltenen Krebs, der keine großen Tumore bildet, sondern sich in alle Organe "hineinfrisst" und sie zerstört. Deswegen ist er inoperabel, außerdem spricht er kaum auf irgendeine Therapie an. Nach und nach stirbt man vor sich hin und kann nichts tun, um es aufzuhalten. Ist Krebs nicht zum kotzen!? Wenn hier nochmal die Zeugen Jehovas klingeln und mich davon überzeugen wollen, daß es einen (ganz tollen!) Gott gibt, dann dürfen die mir mal erklären, wieso der sowas widerliches erfunden hat.